Fußballgott oder Pantoffelheld?

Ich bin großer Fußballfan. Meine Vorfreude auf die EM 2016 drückte ich mit dieser durchaus mit einem Augenzwinkern gemeinten Kurzgeschichte aus. Wenn sie auch kein literarischer Hochgenuss ist, so hoffe ich doch, dass sie dich zumindest zum Schmunzeln bringen wird.

Verehrte Zuschauer, ist das ein spannendes EM-Finale! 90 Minuten sind vorbei. Wir befinden uns in der dritten und letzten Minute der Nachspielzeit. Beide Teams holen noch einmal alles aus sich heraus. Deutschland hat eindeutig die Nase vorne, einzig ein Tor fehlt beim Stand von 0:0. Kommt, Jungs! Euch trennt nur eine Minute vom Sieg. Macht das Ding rein! Abstoß Neuer. Der Ball fliegt weit ins gegnerische Feld. Müller schafft es, den Ball unter Kontrolle zu bringen, zieht an zwei Gegenspielern vorbei und passt auf den mitgelaufenen Götze...immer noch Götze. Mann, ist das spannend. Götze läuft mit Tempo auf die niederländische Abwehr zu – noch 40 Sekunden bis zum Abpfiff. Foul! Götze wird unsanft von Blind von den Beinen geholt. Der Schiedsrichter entscheidet auf Freistoß für Deutschland. Blind sieht Gelb für sein Foul. Die Niederländer schlagen die Hände über ihren Köpfen zusammen und protestieren heftig. Es nützt nichts. Schiedsrichter Ruiz de Santos aus Spanien bleibt dabei. Jetzt sind auch noch Boateng und de Jong aneinandergeraten. Die beiden kennen sich doch aus Hamburger Zeiten. Schiedsrichter de Santos gelingt es, die beiden Streithähne souverän voneinander zu trennen. Die Niederländer beginnen, sich entlang der Rasierschaumlinie zu postieren. Freistoßdistanz: keine 25 Meter. Die perfekte Distanz für unseren Freistoßkünstler Markus Hausmann, dem Newcomer vom TVV Unterschlunzheim. Welch Lobeshymnen hat Jogi Löw auf diesen Mann im Vorfeld gesungen! Doch im bisherigen Turnierverlauf war er eher blass geblieben, spielte zwar ordentlich, aber blieb weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Nun will er sich und der ganzen Welt beweisen, dass seine Aufstellung gerechtfertigt war. Gleich nach dem Pfiff des Schiedsrichters hatte er sich den Ball selbstbewusst geschnappt und legt ihn sich nun vor seinen Füßen zurecht. Noch 10 Sekunden. Dies wird die letzte Aktion des Spiels sein. Die letzte Möglichkeit für Deutschland vor der Verlängerung! Der Schiedsrichter gibt den Ball frei. Hausmann nimmt Anlauf, schießt und...TOR!!! TOR!!! TOR!!! Tor für Deutschland in der 93. Minute! Abgebrüht und mit vollem Risiko schießt dieser Markus Hausmann das Leder mit aller Wucht genau in die obere linke Torecke! Unhaltbar für den niederländischen Torwart. Und aus! Das Spiel ist vorbei! Deutschland ist Europameister dank des last minute-Traumtores von Markus Hausmann! Was für ein Teufelskerl! Jogi lag mit seiner Entscheidung goldrichtig, diesen Jungen aufzustellen! Markus Hausmann, diesen Namen müssen Sie sich merken, meine Damen und Herren!

 

„Markus? Markus! Ich glaube, ich spinne! Schläfst du etwa?“ Markus blickte vom Fernsehsessel verdattert zu seiner Frau hoch. „Wie? Was?“, murmelte er noch ganz benommen. „Kann man dich nicht mal nur eine Minute mit dem Kind allein lassen?!“, keifte sie ihn an. Langsam kam er zu sich. „Diese blöde Kuh! Immer nur am Meckern! ICH habe gerade das EM-Siegtor geschossen!“, dachte er und begann, sich über das unsanfte Wecken seiner Frau zu ärgern. „Mensch, was willst du denn von mir?“, entgegnete er genervt. „Was ich von dir will?! Ich bin gerade dabei, unsere Wohnung von oben bis unten zu putzen, während du gemütlich in deinem Sessel die Sportschau guckst. Und das einzige, was ich von dir verlangt habe, ist, dass du aufs Kind aufpasst – und was machst du? Du schläfst einfach ein! Schau, was der Kleine in der Zwischenzeit angestellt hat! Der ganze Teppich ist mit Tobis Karottensaft voll. Das darfst du schön alles schrubben! I-hich mache das nicht auch noch!“, zeterte sie frustriert und pfefferte Markus einen Lappen an die Brust. Zu allem Überfluss fing Tobi nun auch noch an zu weinen. Sie nahm ihn hoch und verließ mit ihm das Wohnzimmer. „Wenn der Fleck nicht in den nächsten zehn Minuten weg ist, dann gnade dir Gott“, zischte sie ihm über ihre Schulter noch zu. „Vom Fußballgott zum Pantoffelhelden in nur einer Minute – das Leben kann so grausam sein!“, dachte er bei sich, holte einen Eimer mit lauwarmem Wasser und begann, den Teppich zu schrubben.

 


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